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Die Themen
und Motive, die Dietmar Herzog in den letzten Jahren beschäftigen, stehen
allesamt im unmittelbaren Bezug zum Menschen. Er bildet das Zentrum der künstlerischen Aus- einandersetzung. Mit dieser Fokussierung hat sich der
Künstler von seiner zuvor meist distanziert objektivierenden Sicht auf die
Dinge gelöst. Ein
wichtiger Ansatzpunkt der jüngeren Zeit ist die Beschäftigung mit der eigenen
Familiengeschichte, die Suche nach den Wurzeln, die sich zwangsläufig auch im
Kontext der deutschen Geschichte wieder findet. Aus dieser stark biogra- phisch
bestimmten Auseinandersetzung resultiert fast ebenso zwangsläufig die Befassung
mit allgemein menschlichen Be- findlichkeiten, welche, etwa beim Heimatbegriff,
eine wiederum spezifisch deutsche Problematisierungsebene in sich tragen.
Aber weitere,
ebenso persönlich geprägte Wahrnehmungsphä- nomene, die den Künstler zum Beispiel
als Teil der deutschen Reiseweltmeisterschaft zu erkennen geben, verknüpfen
sich in seinen Betrachtungen mit den literarischen Spuren romantischer aber
auch nüchterner Vorstellungen einstiger wie heutiger Venedigbesucher und den
Emotionen, die diese Betrachtungen in den Erinnerungen aller Venedigreisenden
auszulösen vermögen. So ist Dietmar Herzogs künstlerischer Ansatz der jüngeren
Zeit auch ein emotional begründeter, der mehr als je zuvor die Person und deren
Biographie widerspiegelt.
...und doch
dreht sich alles um die Sprache, jenes Instrument der Mensch- werdung, das uns
von anderen Kreaturen unterscheidet und uns erlaubt, die Welt zu beschreiben
und in der Beschreibung zu fassen und zu verstehen, sie gar erst darin zu
konstituieren. Die Sprache ist von ungeheurer Gewalt. Sie hat Herrscher gemacht und
gestürzt. Sie hat Staaten begründet und beendet. Sie kann liebkosend, zugleich tödlich,
verständlich, missverständlich, ein- deutig und diffus, preisend wie auch
diffamierend sein.
Sie ist in
all ihren unterschiedlichen Lauten und all ihren unter- schiedlichen Schriften,
jener hilfreichen Fixierung gesprochenen Wortes mittels vereinbarter Zeichen
und Systeme, neben dem Bild seit langem wichtigstes Instrumentarium des
Künstlers Dietmar Herzog, und dies nicht nur in Titeleien. Es fließen Texte
in sein Werk ein, die dem Künstler hier und da begegnet sind auf seinen
Wahrnehmungszügen durch den Alltag, die Gewicht er- halten haben im Kontext des
Erlebten, Angedachten und Durch- dachten.
Ein schwieriges
Kapitel deutscher Geschichte, dessen Abschluss Christian Meier als das Ende
eines vor 2500 Jahren in Athen mit dem Einsetzen von Rationalisierung,
Eigenständigkeit und Frei- heit begonnenen Weges in Auschwitz sieht, ist für
Dietmar Herzog seit einiger Zeit von großer Bedeutung. Es ist die
Auseinander- setzung mit dem Thema Gewalt, seiner realen Gegenwart in
Er- innerungsbildern, wie sie in Dokumenten aus dem dritten Reich aber auch in
den erhaltenen Relikten vieler ehemaliger KZ- Einrichtungen zu finden sind. Für
Dietmar Herzog geht es aber nicht darum, vordergründig Geschichte aufzuzeigen
oder gar anklagend zu wirken, sondern eher darum unsere Wahrnehm- ungsfähigkeit
in Frage zu stellen und unsere Wahrnehmung zugleich zu schärfen. Und dies auch
mit Blick auf unsere Sprache, die in jenen Tagen als Instrument der Macht in
ihrer zynischsten Ausformung über dem Haupttor von Auschwitz (dort erhalten)
und anderen Konzentrationslagern erschien: Arbeit macht frei.
Diese Macht der Sprache, ihre bedrohliche wie auch
entlarvende Seite – und dabei geht es bei weitem nicht nur um das Dritte Reich
– thematisiert Dietmar Herzog in verschiedensten Texten. Diese zerlegt er, wie
in nahezu allen seinen derartigen Werken, bildhaft in Buchstabenbruchstücke,
welche er auf verschiedene Bildebenen, Folien oder Acrylglasscheiben schreibt
und hinter bzw. –übereinander schichtet. Diese Form der Anordnung macht es
unmöglich, den Text auf einen Blick zu erfassen. Es erfordert Anstrengung,
durch eigene Bewegung, durch den Wechsel des Standortes und der eigenen Haltung
Inhalte zu erschließen, der auf den ersten Blick wirren grafischen Anordnung
einen Sinn zu entlocken. Dieser eingeforderte Perspektivwechsel ist
unab- dingbar, um zum Verstehen dessen zu gelangen, was Dietmar Herzog in seinen
Werken transportiert, und dies mit dem eigenen Wissen um die Sache zu
verbinden: You
see what you know
Aus dieser historischen Belastung und Erfahrung rührt auch unser
befangener Umgang mit dem Begriff Heimat, den Dietmar Herzog in seinen jüngsten
Arbeiten für sich auf einen einfachen bildlichen Nenner gebracht hat. Er hat
Scheunen, Hütten, einfachste Häus- chen von allen vier Seiten fotografiert und
diese im Stil von Bastelbögen um eine viereckig fotografierte, jeweils bei den
Objekten aufgefundene Bodenfläche collagiert. „Wir wissen nicht, was in den
Bauten ist. Aber innen drin ist man sicher, das ist Heimat. Ich klappe das
Gebäude auf und biete an, dass man sich hineinstellt und die Wände wieder
hochklappt.“ Doch auch dieser vermeintliche Schutz, das Beheimatetsein in
der Behausung ist angesichts der Transparenz (Gewächshäuser) wie der
Brüchig- keit der hier vorgestellten Motive fragwürdig vage und gefährdet. Das
Private, die sozusagen minimalste Heimat, steht auch heute in Gefahr, da die
Freiheit des Menschen im Denken und Handeln alle Wege als beschreitbar glaubt.
Und diese Schönheit
der Sprache, wohlgesetzt, wie auch die unmittelbare Schönheit der Bilder, so
man sie jeweils von ihrer inhaltlichen Bedeutung löst, scheint in Dietmar
Herzogs Werken durch. Sie fasziniert in einer ursprünglichen Weise, wie bei- spielsweise
in den „Zuckerwürfeln“, den „Heimatbildern“, den Fotocollagen venezianischer
Gondeln, den fotografisch schimmernden Wasserbildern und den diese
begleitenden, ebenso flirrenden Reisetexten von Marc Twain bis Alejo Carpentier,
aber auch in „Klaras NON“ und unschuldigen Porzellanisolatoren.
Dietmar Herzogs
Werke der letzten Jahre haben zweifellos eine Verdichtung der Thematik wie der
Ausführung erfahren, die zu einem komplexen Ganzen führen. Sprache und Bild
treten in ihrer Polarität in all diesen Werken des Künstlers in eine tiefe,
ver- tiefende und zugleich gegenseitig erhellende Korrespondenz ein, die zu
Entdeckungsreisen in vielschichtige Wahrnehmungs- welten einlädt. Und Reisen
bildet nicht nur, es erweitert den Horizont und schärft die Sinne: You see what
you know.
aus Katalog Publikation: "you see what you know"
RV-Verlag, Ulm - ISBN 978-3-9810424-1-2
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