Statements
Home 
Biografie 
aktuelles 
Abbildungen 
Statements 

 

 Allgemeines Kurzstatement von Dietmar H. Herzog

 

 

Der künstlerische Ausdruck, die Wahl der Technik und der

Materialien, sowie die Größe der Arbeit, ergibt sich durch

das jeweilige künstlerische Anliegen immer wieder aufs Neue.

 

Ein wesentlicher Aspekt in meiner Arbeit liegt darin, dem interessierten Betrachter Anreize zu geben, die ihn dazu ver-

anlassen im Umgang mit dem Kunstwerk selbst tätig werden.   

Ich spreche dabei von einer Prozessfortschreibung, die

unter anderem in der Aufforderung, Teile des Kunstwerkes

zu verschieben, besonders deutlich wird. Bei allen meinen künstlerischen Arbeiten steht somit immer das prozessuale Geschehen, nicht die mögliche Endform, im Vordergrund.

Ich bevorzuge bei meinen Arbeiten meist transparente Träger,

wie Glas, Acrylglas und Folien, da sie mir Begriffe wie Schichtung, Transparenz, Durchdringung in meine Arbeit transportieren.

 

 


Auszug aus einem Katalogvorwort von Otto Pannewitz,

    Leiter der Galerie der Stadt Sindelfingen

 

 

Die Themen und Motive, die Dietmar Herzog in den letzten  Jahren beschäftigen, stehen allesamt im unmittelbaren Bezug  zum Menschen. Er bildet das Zentrum der künstlerischen Aus- einandersetzung. Mit dieser Fokussierung hat sich der Künstler von seiner zuvor meist distanziert objektivierenden Sicht auf die Dinge gelöst. Ein wichtiger Ansatzpunkt der jüngeren Zeit ist die Beschäftigung mit der eigenen Familiengeschichte, die Suche nach den Wurzeln, die sich zwangsläufig auch im Kontext der deutschen Geschichte wieder findet. Aus dieser stark biogra- phisch bestimmten Auseinandersetzung resultiert fast ebenso zwangsläufig die Befassung mit allgemein menschlichen Be- findlichkeiten, welche, etwa beim Heimatbegriff, eine wiederum spezifisch deutsche Problematisierungsebene in sich tragen.

Aber weitere, ebenso persönlich geprägte Wahrnehmungsphä- nomene, die den Künstler zum Beispiel als Teil der deutschen Reiseweltmeisterschaft zu erkennen geben, verknüpfen sich in seinen Betrachtungen mit den literarischen Spuren  romantischer aber auch nüchterner Vorstellungen einstiger wie heutiger Venedigbesucher und den Emotionen, die diese Betrachtungen in den Erinnerungen aller Venedigreisenden auszulösen vermögen. So ist Dietmar Herzogs künstlerischer Ansatz der jüngeren Zeit auch ein emotional begründeter, der mehr als je zuvor die Person und deren Biographie widerspiegelt.

...und doch dreht sich alles um die Sprache, jenes Instrument der Mensch- werdung, das uns von anderen Kreaturen unterscheidet und uns erlaubt, die Welt zu beschreiben und in der Beschreibung zu fassen und zu verstehen, sie gar erst darin zu konstituieren. Die Sprache ist von ungeheurer Gewalt. Sie hat Herrscher gemacht und gestürzt. Sie hat Staaten  begründet und beendet. Sie kann liebkosend, zugleich tödlich, verständlich, missverständlich, ein- deutig und diffus, preisend wie auch diffamierend sein.

Sie ist in all ihren unterschiedlichen Lauten und all ihren unter- schiedlichen Schriften, jener hilfreichen Fixierung gesprochenen Wortes mittels vereinbarter Zeichen und Systeme, neben dem Bild seit langem wichtigstes Instrumentarium des Künstlers Dietmar Herzog, und dies nicht nur in Titeleien. Es fließen Texte  in sein Werk ein, die dem Künstler hier und da begegnet sind auf seinen Wahrnehmungszügen durch den Alltag, die Gewicht er- halten haben im Kontext des Erlebten, Angedachten und Durch- dachten.

Ein schwieriges Kapitel deutscher Geschichte, dessen Abschluss Christian Meier als das Ende eines vor 2500 Jahren in Athen mit dem Einsetzen von Rationalisierung, Eigenständigkeit und Frei- heit begonnenen Weges in Auschwitz sieht, ist für Dietmar Herzog seit einiger Zeit von großer Bedeutung. Es ist die Auseinander- setzung mit dem Thema Gewalt, seiner realen Gegenwart in Er- innerungsbildern, wie sie in Dokumenten aus dem dritten Reich aber auch in den erhaltenen Relikten vieler ehemaliger KZ- Einrichtungen zu finden sind. Für Dietmar Herzog geht es aber nicht darum, vordergründig Geschichte aufzuzeigen oder gar anklagend zu wirken, sondern eher darum unsere Wahrnehm- ungsfähigkeit in Frage zu stellen und unsere Wahrnehmung zugleich zu schärfen. Und dies auch mit Blick auf unsere Sprache, die in jenen Tagen als Instrument der Macht in ihrer zynischsten Ausformung über dem Haupttor von Auschwitz (dort erhalten) und anderen Konzentrationslagern erschien: Arbeit macht frei.

Diese Macht der Sprache, ihre bedrohliche wie auch entlarvende Seite – und dabei geht es bei weitem nicht nur um das Dritte Reich – thematisiert Dietmar Herzog in verschiedensten Texten. Diese zerlegt er, wie in nahezu allen seinen derartigen Werken, bildhaft in Buchstabenbruchstücke, welche er auf verschiedene Bildebenen, Folien oder Acrylglasscheiben schreibt und hinter bzw. –übereinander schichtet. Diese Form der Anordnung macht es unmöglich, den Text auf einen Blick zu erfassen. Es erfordert Anstrengung, durch eigene Bewegung, durch den Wechsel des Standortes und der eigenen Haltung Inhalte zu erschließen, der auf den ersten Blick wirren grafischen Anordnung einen Sinn zu entlocken. Dieser eingeforderte Perspektivwechsel ist unab- dingbar, um zum  Verstehen dessen zu gelangen, was Dietmar Herzog in seinen Werken transportiert, und dies mit dem eigenen Wissen um die Sache zu verbinden: You see what you know

Aus dieser historischen Belastung und Erfahrung rührt auch unser befangener Umgang mit dem Begriff Heimat, den Dietmar Herzog in seinen jüngsten Arbeiten für sich auf einen einfachen bildlichen Nenner gebracht hat. Er hat Scheunen, Hütten, einfachste Häus- chen von allen vier Seiten fotografiert und diese im Stil von Bastelbögen um eine viereckig fotografierte, jeweils bei den Objekten aufgefundene Bodenfläche collagiert. „Wir wissen nicht, was in den Bauten ist. Aber innen drin ist man sicher, das ist Heimat. Ich klappe das Gebäude auf und biete an, dass man sich hineinstellt und die Wände wieder hochklappt.“ Doch auch dieser vermeintliche Schutz, das Beheimatetsein in der Behausung ist angesichts der Transparenz (Gewächshäuser) wie der Brüchig- keit der hier vorgestellten Motive fragwürdig vage und gefährdet. Das Private, die sozusagen minimalste Heimat, steht auch heute in Gefahr, da die Freiheit des Menschen im Denken und Handeln alle Wege als beschreitbar glaubt.

Und diese Schönheit der Sprache, wohlgesetzt, wie auch die unmittelbare Schönheit der Bilder, so man sie jeweils von ihrer inhaltlichen Bedeutung löst, scheint in Dietmar Herzogs Werken durch. Sie fasziniert in einer ursprünglichen Weise, wie bei- spielsweise in den „Zuckerwürfeln“, den „Heimatbildern“, den Fotocollagen venezianischer Gondeln, den fotografisch schimmernden Wasserbildern und den diese begleitenden, ebenso flirrenden Reisetexten von Marc Twain bis Alejo Carpentier, aber auch in „Klaras NON“ und unschuldigen Porzellanisolatoren.

Dietmar Herzogs Werke der letzten Jahre haben zweifellos eine Verdichtung der Thematik wie der Ausführung erfahren, die zu einem komplexen Ganzen führen. Sprache und Bild treten in ihrer Polarität in all diesen Werken des Künstlers in eine tiefe, ver- tiefende und zugleich gegenseitig erhellende Korrespondenz ein, die zu Entdeckungsreisen in vielschichtige Wahrnehmungs- welten einlädt. Und Reisen bildet nicht nur, es erweitert den Horizont und schärft die Sinne: You see what you know.

aus Katalog Publikation: "you see what you know"

RV-Verlag, Ulm - ISBN 978-3-9810424-1-2

 

 


 

 

 

 

 
   
[Home][Biografie][aktuelles][Abbildungen][Statements]

Copyright (c) 2004 My Company. Alle Rechte vorbehalten.

derart@dietmar-h-herog.de